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Julian Barnes: "Abschied(e)" – Rezension

Sie sind hier: Startseite » Bücher » Rezensionen 2026 » Julian Barnes: Abschied(e)

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2026 • Von Marcel Behling

Ein meisterhaftes, teils autobiografisches Werk über die Kunst des Loslassens, das durch Barnes’ unnachahmliche Mischung aus Melancholie und intellektuellem Scharfsinn besticht.

Rezension

  • Bibliographisches
  • Inhalt
  • Warum lesen?
  • Für wen geeignet?
  • Experten-Stimmen
  • "Abschied(e)" im Buchhandel ansehen

Bibliographisches

Titel: Abschied(e)

Originaltitel: Departures

Autor: Julian Barnes, britischer Schriftsteller

Inhalt

"Abschied(e)" erzählt von einem Schriftsteller, der sich – angesichts des fortgeschrittenen Alters und einer ernsthaften Diagnose – gezwungen sieht, sein Leben neu zu betrachten. Die Nachricht von einer Krankheit, die eventuell tödlich sein kann, wird zum Ausgangspunkt für eine umfassende Selbstbefragung: Was bleibt von einem Leben, wenn man zurückblickt? Welche Erinnerungen tragen, und welche erweisen sich als trügerisch?

Der Erzähler, der unverkennbar Züge seines Autors trägt, beginnt damit, sein Leben und seine Arbeit zu ordnen. Gedanken über das Schreiben, über Freundschaften, über Literatur und über die Vergänglichkeit mischen sich mit sehr persönlichen Erinnerungen. Dabei verschwimmen bewusst die Grenzen zwischen autobiografischem Bericht, literarischer Reflexion und erzählerischer Fiktion.

Ein zweiter Erzählstrang führt zurück in die 1960er-Jahre nach Oxford. Dort vermittelt der Erzähler zwischen zwei jungen Menschen, Stephen und Jean, die sich begegnen und eine leidenschaftliche Beziehung beginnen. Ihre Geschichte begleitet ihn über Jahrzehnte hinweg – von der ersten Verliebtheit über Trennung und Wiederannäherung bis zu späteren Versuchen, ihr gemeinsames Leben neu zu ordnen.

Während sich Gegenwart und Vergangenheit ineinander verschränken, entsteht das Bild eines Lebens, das aus Begegnungen, Entscheidungen und Erinnerungen besteht. Der Erzähler versucht, aus Fragmenten und Geschichten einen Zusammenhang zu formen – im Bewusstsein, dass jede Rückschau unvollständig bleibt. So wird das Erzählen selbst zu einem Versuch, Abschied zu nehmen: von Illusionen, von Gewissheiten und von der Vorstellung, das eigene Leben vollständig verstehen zu können.

Warum lesen?

Der Roman dreht sich darum, wie ein Schriftsteller im Angesicht einer möglicherweise tödlichen Krankheit bewusst und kontrolliert Abschied nimmt – vom Leben, vom Schreiben, von der Liebe und von der eigenen Erinnerung –, ohne die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zu verlieren. Im Zentrum steht der 80-jährige Autor selbst, der nach einer Leukämie-Diagnose Bilanz zieht und eine fiktive Liebesgeschichte einwebt, die sein Leben spiegelt.

Hier wird Sterblichkeit nicht als abstraktes Schicksal, sondern als konkrete, persönliche Aufgabe behandelt. In einer Gesellschaft, die Alter und Tod verdrängt, zeigt Barnes mit stoïscher Gelassenheit, dass Abschied keine Kapitulation ist, sondern ein letzter Akt der Souveränität. Er macht spürbar, wie Erinnerung trügt, Wahrheit relativ bleibt und das eigene Vermächtnis letztlich in den Augen der anderen liegt – eine Einsicht, die Trost spendet, gerade weil sie illusionslos ist.

Die Geschichte gewinnt ihre Originalität durch die hybride Form: eine autofiktionale Collage aus Memoir, Essay und eingebetteter Erzählung. Barnes erzählt von seiner Diagnose, vom Verlust der Frau, von Oxforder Freunden, deren Ehe er angeblich gestiftet hat – und lässt offen, was Fakt und was Erfindung ist. Das Buch ist als sein letztes deklariert, ein mutiger Schritt, den kaum ein Autor wagt. Statt linearer Handlung entsteht ein mäanderndes Geflecht, das Themen seines gesamten Werks bündelt, ohne je zu wiederholen oder zu dramatisieren.

Die Figuren – vor allem der Ich-Erzähler „Jules“ – leben aus ihrer selbstironischen Widersprüchlichkeit. Barnes porträtiert sich nicht als weiser Greis, sondern als fehlbarer Beobachter, der mit Humor und Understatement seine eigene Eitelkeit entlarvt. Die fiktiven Gestalten dienen als Spiegel: keine Helden, sondern Projektionsflächen für Liebe, Verlust und die Frage, ob man im Leben anderer „spielt“. Dadurch werden sie glaubwürdig und unvergesslich – weniger als Charaktere, sondern als Echo des eigenen Lebens.

Der Stil zeichnet sich durch schnörkellose Präzision aus: mäandernd, aber nie weitschweifig, mit melancholischem Witz und englischer Abgeklärtheit. Die Prosa ist "kalt, aber weich", kommt direkt zur Sache, vermeidet Pathos und lässt Raum für den Leser. Barnes lernt von Flaubert, wie man stirbt – und schreibt genau so: souverän, tröstlich gelassen, mit einer Grazie, die den Ernst trägt.

Beim Lesen entsteht keine bloße Trauer, sondern eine anhaltende Mischung aus Melancholie, Bewunderung und stiller Befreiung. Man reflektiert über die eigenen Abschiede, über die Grenzen von Erinnerung und Literatur und darüber, wie man den Tod "mit den Augen der anderen" betrachten kann. Genau hier unterscheidet sich der Roman von vielen Alters- oder Sterbebüchern: Er ist kein dramatisches Finale, sondern ein meta-literarischer Abgesang, der Autobiografie und Fiktion so raffiniert verschränkt, dass er die Kontrolle über die eigene Erzählung bis zum Schluss behält.

Der Wert der Lektüre liegt in dieser Verdichtung: Barnes zeigt, dass Literatur das letzte Mittel ist, die eigene Geschichte zu ordnen und Abschied als bewussten, würdigen Akt zu gestalten. Der Roman vermittelt keine tröstenden Lügen, sondern die Gewissheit, dass wahre Gelassenheit aus der Akzeptanz von Endlichkeit entsteht. Wer nach Prosa sucht, die Sterblichkeit nicht beschönigt, sondern in ihrer ganzen menschlichen Würde erfahrbar macht und das Denken über Leben und Schreiben nachhaltig verändert, findet hier ein reifes, mutiges und literarisch dichtes Vermächtnis.

Für wen geeignet?

  • Ideal für Leser, die sich von autofiktionalen Alterswerken mit philosophischer Präzision angezogen fühlen und die Unzuverlässigkeit von Erinnerung, die Stoik des Alterns sowie die Frage nach dem, was von einem Leben bleibt, als literarische Kernanliegen schätzen. Wer Julian Barnes’ "Vom Ende einer Geschichte" oder seine früheren Reflexionen über Gedächtnis und Identität mit Gewinn gelesen hat – oder an nuancierten Spätwerken wie denen von John Banville oder den introspektiven Passagen bei Karl Ove Knausgård interessiert ist –, wird auch diesen letzten Roman lieben: Der 80-jährige Autor, selbst an einer seltenen Form von Leukämie erkrankt, verwebt hier die lebenslange Geschichte einer von ihm gestifteten Oxforder Freundesliebe mit nüchtern-ironischen Meditationen über Krankheit, Tod und das nachträgliche Konstruieren von Biografien. Die analytische, selbstironische Prosa, die Proust’sche Erinnerungsdynamiken mit makabren Medizinanekdoten und stoizistischen Einsichten verknüpft, bietet genau jene tröstlich-gelassene Bilanz, die Barnes-Leser seit Jahrzehnten an ihm schätzen – ein letztes, souveränes Gespräch mit treuen Lesern über das, was in posttragischen Zeiten noch zählt.

  • Eher nichts für Leser, die einen klassischen Plot mit klarer Spannungskurve, reiner Fiktion oder unbeschwerter Unterhaltung erwarten, denn das Buch ist bewusst kein herkömmlicher Roman, sondern ein hybrides autofiktionales Essay, das Geduld für seine meditativ-reflektierende Struktur verlangt und ungeschönt mit existenziellen Themen wie unheilbarer Krankheit, körperlichem Verfall und der Fragilität von Erinnerungen konfrontiert. Auch jene, die strenge Trennungen zwischen Fakt und Erfindung oder harmonische Abschlüsse bevorzugen, könnten sich an den bewussten Grenzverwischungen und den offenen Fragen nach Glück und Liebe stoßen, die sich durch die Jahrzehnte ziehende Freundesgeschichte ebenso ziehen wie durch die Krankheitsnarrative. Wer vor der melancholischen Ironie des nahenden Endes oder der essayistischen Tiefe zurückschreckt, findet hier weniger Zerstreuung als eine fordernde, manchmal beklemmende Auseinandersetzung mit dem Abschied, die Mut und Kontemplation voraussetzt.

Experten-Stimmen

  • Gerrit Bartels vom Tagesspiegel spürt gern den mal amüsant-sarkastischen, mal todernsten Gedanken von Barnes über ein Leben nach, das sich dem Ende nähert.

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