Martin Suter: "Können Sie mich sehen?" – Rezension
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Zuletzt aktualisiert am 11. März 2026 • Von Marcel Behling
Feinsinnige Beobachtungen, die zeigen, wie Frauen und Homeoffice die Machtstrukturen in den Chefetagen erschüttern und gestandene Topmanager die Kontrolle verlieren.
Bibliographisches
Titel: Können Sie mich sehen?
Autor: Martin Suter, Schweizer Schriftsteller und Kolumnist
Inhalt
"Können Sie mich sehen?" kreist um die aktuelle Arbeitswelt der Topmanager. Die Vorstandsetagen der Konzerne waren lange ein abgeschottetes Reservat: Hier regierten Männer in maßgeschneiderten Anzügen, sprachen in Buzzwords von Skalierbarkeit und Disruption und balancierten auf einem schmalen Grat, auf dem ein einziger Fehltritt den sofortigen Absturz bedeutete. Doch plötzlich verändert sich alles. Frauen erobern die oberen Ränge, Remote-Arbeit entlarvt die alten Machtrituale als lächerlich und stellt gestandene Alphatiere bloß. Die Spielregeln werden unberechenbarer und Vertrauen wird zur knappen Ressource. Den alteingesessenen Chefs entgleitet die Welt, die sie einst fest im Griff hatten, unaufhaltsam aus den Händen.
Aus den im Buch beschriebenen Szenen ergibt sich kein herkömmlich fortlaufender Plot, sondern vielmehr ein Kaleidoskop aus Beobachtungen, Begegnungen und kleinen Konflikten, das die Mechanismen moderner Führung reflektiert. Zwischen digitalen Meetings, offenen Chats und dem ständigen Balanceakt, im Wettbewerb sichtbar zu bleiben, entsteht ein facettenreiches Bild einer Managementkultur im Wandel.
Warum lesen?
Können Sie mich sehen? – oder verlieren wir in der digitalen Business-Welt hinter Zoom-Kacheln, Anglizismen und "agilen" Phrasen jede echte Sichtbarkeit und Kontrolle?
Diese Frage trifft, weil sie die post-pandemische Normalität auf den Punkt bringt: Homeoffice als scheinbare Befreiung, das in Wahrheit die alten Hierarchien brüchig macht und die Leere der Hustle-Culture gnadenlos ausstellt. Martin Suter zeigt, wie Topmanager, die jahrzehntelang First-Class-Flugzeugdenken pflegten, plötzlich mit abgesägten Hosen dastehen – ohne je moralisch zu werden. Man erkennt plötzlich, wie sehr auch der eigene Alltag von denselben Worthülsen und Machtspielen durchzogen ist.
Was die Geschichte so originell macht, ist ihre Rückkehr zur reinen Satireform nach über zwölf Jahren. Kein durchgehender Plot, sondern eine pointierte Sammlung von Kolumnen und Vignetten, die das Homeoffice als Bühne nutzen. Plötzlich wird aus einem harmlosen "Können Sie mich sehen?"-Moment ein existentieller Kontrollverlust: Frauen drängen in die Chefetagen, Feedback-Kultur dient nur noch der Kostensenkung, und jeder agile Sprint endet in peinlicher Unsichtbarkeit. Es ist kein neues Genre, aber eine präzise Aktualisierung von Suters eigener "Business-Class"-Tradition – nur diesmal mit der Pandemie als Katalysator.
Die Figuren bleiben im Gedächtnis, weil sie keine Karikaturen sind, sondern archetypische Spiegelbilder. Da ist der treuherzig-naive Manager, der euphorisch "Wertschätzung" predigt, während er Gehälter als Overhead streicht. Da sind die gestandenen Herren, die plötzlich mit Familienhund im Hintergrund agieren und dabei ihre Autorität verlieren. Sie wirken so glaubwürdig, weil Suter sie aus jahrelanger Insider-Beobachtung der Werbe- und Konzernwelt schöpft – nie böse, immer mit einem Schuss Mitgefühl für ihre Selbsttäuschung.
Suters Stil zeichnet sich durch eine messerscharfe, fast beiläufige Eleganz aus. Er kopiert das Corporate-Deutsch perfekt – Anglizismen, Euphemismen, erfundene Beraterfirmen wie "Quambak" oder "Puntmayer Consulting" –, lässt es aber im nächsten Satz kollabieren. Die Prosa ist leicht, rhythmisch und nie belehrend; sie trifft den Leser wie ein gut getimter Zoom-Lag.
Beim Lesen entstehen genau die Gefühle, die gute Satire ausmachen: ein befreiendes Lachen über die eigene Branche, ein leises Erschrecken vor der eigenen Beteiligung und die klare Erkenntnis, dass hinter all dem "proaktiv" und "skalierbar" oft nur Leere steckt. Man legt das Buch weg und hört plötzlich jedes Meeting anders.
Im Vergleich zu anderen Wirtschaftssatiren oder Homeoffice-Büchern unterscheidet sich "Können Sie mich sehen?" durch seine Weigerung, zu erklären oder zu versöhnen. Es ist kein Text mit großem Bogen und auch keine trockene Analyse – sondern ein konziser, insidergetriebener Nadelstich, der die Strukturen selbst sprechen lässt.
Wer dieses Buch liest, gewinnt mehr als nur Unterhaltung. Man erhält einen scharfen, befreienden Blick auf die Absurditäten der modernen Arbeitswelt – und die nachhaltige Fähigkeit, hinter jedem "Können Sie mich sehen?" die eigentliche Frage zu hören: Wer bin ich hier eigentlich noch?
Ideal für Leser, die Martin Suters unverwechselbare Satire auf die Absurditäten der Business-Welt schätzen und seine legendären "Business-Class"-Kolumnen aus den 1990er Jahren noch im Kopf haben. Wer dort die präzise Beobachtungsgabe, den eleganten Spott über Manager-Jargon, Statusgehabe und leere Euphemismen genoss, wird auch hier – diesmal im Homeoffice-Zeitalter – die vertrauten Pointen wiederfinden: agiles Geschwafel, Nachhaltigkeitsfassaden und Zoom-Meeting-Peinigungen. Die kurzen, rhythmisch sicheren Texte eignen sich perfekt als Pendler- oder Pausenlektüre für Corporate-Insider und alle, die leichte, aber treffsichere Gesellschaftskritik ohne erhobenen Zeigefinger suchen – genau jene, die bei Suters früheren Werken oder vergleichbar scharfen Beobachtern wie in seinen Romanen den Wiedererkennungseffekt lieben und sich an der Lächerlichkeit von Machtstrukturen erfreuen.
Eher nichts für Leser, die einen klassischen Roman mit durchgehendem Plot, tiefen Figuren oder literarischer Wucht erwarten, denn hier liegt eine Sammlung kurzer satirischer Kolumnen vor, die bewusst auf Wiederholung und Wiedererkennung setzt. Wer innovative Schärfe oder ernsthafte Auseinandersetzung sucht, statt leichter, manchmal vorhersehbarer Büro-Sketche, oder wer keinen Bezug zur oberen Etage der Wirtschaft hat, wird schnell unbefriedigt sein – das Buch setzt nämlich auf den Insider-Effekt.
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