Robert Menasse: "Die Lebensentscheidung" – Rezension
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Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Eine eindringliche, psychologisch präzise Novelle über einen Mann am Wendepunkt seines Lebens, der im Angesicht des Todes versucht, die eigene Endlichkeit vor seinen Liebsten zu verbergen – ein stilles Meisterwerk über die Macht des Willens.
Bibliographisches
Titel: Die Lebensentscheidung
Autor: Robert Menasse, österreichischer Schriftsteller und politischer Essayist
Inhalt
In "Die Lebensentscheidung" bricht Robert Menasse mit der Erwartungshaltung, die seine großen Brüssel-Romane geweckt haben. Zwar ist der Protagonist Franz Fiala ein hochrangiger Beamter der Europäischen Kommission, doch das politische Parkett ist hier nur die Kulisse für eine Flucht. Fiala wirft frustriert hin und reist nach Wien, um den 90. Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Er verheimlicht ihr seinen Ruhestand – und noch etwas viel Schwerwiegenderes: seine Krebsdiagnose. Die Novelle konzentriert sich auf das psychologische Kammerspiel zwischen Mutter und Sohn sowie auf die unsichere Liebe zu seiner Partnerin Nathalie. Ein zentraler "Aha-Moment" ist Fialas fast verzweifelter Versuch, die Kontrolle über sein Sterben zu behalten, indem er das Schicksal durch reine Willenskraft und Schweigen zu bändigen versucht.
Warum lesen?
Ich empfehle dieses Buch, weil Menasse hier zeigt, dass er auch die "kleine Form" meisterhaft beherrscht. Es ist eine tief berührende Meditation über die Endlichkeit. Wer Menasse bisher nur als scharfzüngigen Satiriker der Bürokratie kannte, wird hier eine ganz neue, verletzliche Seite an ihm entdecken. Besonders beeindruckend ist, wie er das Schweigen zwischen den Generationen beschreibt: Das Verheimlichen der Krankheit ist kein Akt der Feigheit, sondern ein fehlgeleiteter Akt der Liebe. Es ist ein stilles, sehr kunstvolles Buch, das die Frage aufwirft: Was bleibt von einer "Lebensentscheidung" übrig, wenn der eigene Körper einem die Entscheidungsgewalt entzieht?
Ideal für: Leser, die existenzielle Erzählungen über Krankheit, Familie und das Älterwerden schätzen. Wer Bücher wie „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler mag, wird die Schlichtheit und Tiefe dieser Novelle lieben.
Eher nichts für: Leser, die eine Fortsetzung der großen EU-Satiren suchen. Wer auf politische Intrigen und Brüsseler Insider-Witze hofft, wird enttäuscht sein, da die Politik hier nur ein fernes Echo ist. Auch für Menschen, die eine Abneigung gegen Krankheitsgeschichten haben, könnte die Lektüre zu belastend sein.
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