Alex Finlay: "Good Night, Pretty Girl" – Rezension
Sie sind hier: Startseite » Bücher » Top Krimis & Thriller 2026 » Alex Finlay: Good Night, Pretty Girl
Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Originaltitel: The Night Shift
Autor: Alex Finlay, US-amerikanischer Schriftsteller
Good Night, Pretty Girl ist ein vielschichtiger Thriller über die Langzeitfolgen von Gewalt und die unsichtbaren Fäden, die Überlebende von brutalen Überfällen verbinden – ein Buch, das unterhält, ohne je die Menschlichkeit seiner Figuren zu opfern, und genau deshalb bei Lesern hängen bleibt, die mehr als nur Spannung suchen.
Worum geht’s?
Im Kern geht es um die bohrende Frage, ob ein Trauma wirklich je abgeschlossen ist – oder ob es nur schläft, bis ein neuer Auslöser es weckt und alte Wunden mit frischem Blut wieder öffnet. In einer kleinen Stadt verbindet ein identischer, flüsternder Abschiedsgruß zwei brutale Überfälle, die 15 Jahre auseinanderliegen: Beide Male überleben nur einzelne junge Frauen, beide Male endet der Angriff mit den Worten "Good night, pretty girl".
Ein Schlüsselmoment, der die Beklemmung greifbar macht: Die Überlebende von damals, inzwischen Therapeutin, sitzt im Krankenhaus neben der neuen Überlebenden – zwei Frauen, die sich nie begegnet sein sollten, starren sich an und erkennen im Schweigen des anderen dieselbe unaussprechliche Narbe. Dieser stille, wortlose Austausch sagt mehr über die Last des Überlebens als jede laute Enthüllung.
Warum lesen?
Aus meiner Sicht als jemand, der Finlays Bücher seit langem verfolgt, ist "Good Night, Pretty Girl" (deutsche Ausgabe des Stoffs, der im Original The Night Shift heißt, aber hier als eigenständiger Titel präsentiert wird) der Roman, in dem er am geschicktesten das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen verwebt. Das Buch löst das Problem vieler Serienkiller-Geschichten – die Distanz zum Opfer – indem es den Fokus auf die langfristigen psychischen Narben legt: Wie lebt man weiter, wenn man "die Eine" ist, die übrig blieb?
Es hinterlässt ein Gefühl anhaltender Unruhe, nicht durch Gore, sondern durch die Erkenntnis, dass Trauma ansteckend wirken kann – es springt von Person zu Person, von Generation zu Generation. Der konkrete Mehrwert liegt in Finlays Fähigkeit, multiple Perspektiven (Überlebende, Ermittler, Verteidiger) so zu schichten, dass man ständig die eigene moralische Position neu überdenken muss. Kein reiner Plot-Twist-Thriller, sondern einer, der die Figuren atmen lässt und den Leser mit echten Menschen konfrontiert.
Ideal für: Leser, die Charakter-getriebene Thriller mit emotionaler Tiefe und cleveren Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart schätzen. Wer The Night Shift (Original) oder Every Last Fear mochte, findet hier denselben Mix aus hoher Spannung und menschlicher Verletzlichkeit – oder Fans von Lisa Jewell und Riley Sager, die mehr Psychologie als reine Action wollen.
Eher nichts für: Leser, die Geschichten ohne Rückblenden und parallele Zeitebenen bevorzugen, oder solche, die explizite Gewaltbeschreibungen (Messerangriffe, Massaker-Szenarien) meiden möchten – die Tatorte sind detailliert, und die Themen Trauma und Gewalt gegen junge Frauen werden ernst genommen, nicht sensationalisiert. Auch wer nur leichte Unterhaltung sucht, könnte die emotionale Schwere als zu bedrückend empfinden.









