Christian Goeschel und Daniel Hedinger: "München 38" – Rezension
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Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Autoren: Christian Goeschel, britisch-deutscher Historiker / Daniel Hedinger, Schweizer Historiker
"München 38 – Die Welt am Scheideweg" ist eine dichte, quellennahe Rekonstruktion der dramatischen Konferenztage 1938, die Appeasement als riskante Fehlentscheidung mit bleibender Relevanz zeigt – ein kluges, warnendes Buch für alle, die aus der Geschichte lernen wollen, wie Diplomatie unter Druck scheitern kann.
Worum geht’s?
Das Buch konzentriert sich auf die dramatischen drei Tage Ende September 1938, in denen die Münchner Konferenz die Welt an den Rand eines Krieges brachte – und ihn vermeintlich abwandte. Die zentrale These: Das Münchner Abkommen war nicht nur ein klassischer Fall von Appeasement, sondern ein Moment, in dem die Großmächte die Aggression eines Diktators belohnten, was langfristig die Dynamik des Zweiten Weltkriegs prägte und uns heute in Zeiten neuer geopolitischer Erpressungen erschreckend aktuell erscheinen lässt.
Ein greifbares Detail, das die Beklemmung des Buches einfängt: Die Autoren beschreiben die nächtliche Szene im Führerbau, als Chamberlain und Daladier stundenlang warten mussten, während Hitler mit Mussolini konferierte – ein Moment der totalen Demütigung der Westmächte, der symbolisch zeigt, wie Verhandlungen unter Drohung in Kapitulation umschlagen können. Dieser stille, quälende Warteraum macht spürbar, worum es wirklich geht: Die Zerbrechlichkeit des Friedens, wenn man Aggressoren mit Zugeständnissen zu besänftigen versucht.
Warum lesen?
Als "Doku-Junkie", der sich viel mit der (Vor-)Geschichte des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hat, schätze ich an diesem Buch die dichte, fast thrillerartige Erzählung der drei Tage, ohne je in Sensationalismus abzugleiten. Es löst das Problem der distanzierten Geschichtsschreibung, indem es die Akteure – Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, Beneš – als unter Druck stehende, fehlbare Menschen zeichnet, deren Entscheidungen in Echtzeit fallen.
Beim Lesen entsteht bei mir ein Gefühl von bedrückender Aktualität und leiser Warnung: Man erkennt Parallelen zu heutigen Konflikten, wo Verhandlungen mit Autokraten oft ähnlich scheitern. Der konkrete Mehrwert liegt in der präzisen, quellenbasierten Rekonstruktion (Tagebücher, Protokolle, Briefe), kombiniert mit einem klaren, flüssigen Stil, der komplexe Diplomatie lesbar macht. Die Autoren vermeiden einfache Schuldzuweisungen und laden stattdessen dazu ein, die Mechanismen von Appeasement und Machtpolitik neu zu verstehen.
Ideal für: Historisch interessierte Leser, die eine fokussierte, erzählerisch dichte Analyse eines Schlüsselmoments der 1930er-Jahre suchen – jenseits von breiten Überblicken. Wer Bücher wie "Adolf Hitler: Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939" von Volker Ullrich (für die nuancierte Darstellung der NS-Führung) oder "Chamberlain and Appeasement: British Policy and the Coming of the Second World War" von R.A.C. Parker mochte, wird hier eine moderne, internationale Perspektive auf die Münchner Konferenz finden, die auch geopolitische Gegenwartsfragen berührt.
Eher nichts für: Leser, die eine umfassende Gesamtdarstellung des NS-Regimes oder des gesamten Kriegsausbruchs erwarten – das Buch zoomt bewusst eng auf die drei Tage und ihre unmittelbaren Folgen. Auch wer trockene, rein akademische Abhandlungen ohne narrative Elemente bevorzugt, könnte den erzählerischen Ansatz als zu "leserfreundlich" empfinden.









