Holger Stark: "Das erwachsene Land" – Rezension
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Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Autor: Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT
"Das erwachsene Land" ist eine klare, auf Insider-Gesprächen basierende Analyse des Endes der transatlantischen Abhängigkeit – ein Buch, das Deutschland den Abschied von alten Gewissheiten als Chance zur echten Souveränität zeigt und genau die Leser anspricht, die in Zeiten der Unsicherheit nach Orientierung ohne Panik suchen.
Worum geht’s?
Das Buch dreht sich um die zentrale, unbequeme Frage: Was bleibt von Deutschland übrig, wenn die jahrzehntelange Gewissheit "Ohne Amerika keine Sicherheit" endgültig bröckelt? Stark sieht in Trumps Politik keinen vorübergehenden Rückschlag, sondern den irreversiblen Abschluss einer Epoche – den Moment, in dem Deutschland gezwungen ist, aus der transatlantischen Abhängigkeit herauszuwachsen und echte Souveränität zu erlangen.
Ein eindringliches Detail, das hängen bleibt: Stark schildert, wie ein hochrangiger deutscher Politiker in einem vertraulichen Gespräch in Washington die plötzliche Erkenntnis beschreibt, dass die US-Truppen in Deutschland längst nicht mehr primär zum Schutz vor Russland stationiert sind, sondern geopolitischen Interessen dienen, die mit europäischen Zielen kollidieren können. Dieser stille, fast banale Moment in einem Konferenzraum markiert den Bruch: Das Ende der kindlichen Annahme, Amerika sei immer der verlässliche große Bruder.
Warum lesen?
Als jemand, der seit Jahren transatlantische Entwicklungen verfolgt, schätze ich an diesem Buch die nüchterne, fast schon therapeutische Klarheit: Stark zerlegt die emotionale Bindung an die USA – von Levi’s-Jeans über Hollywood bis zur NATO – nicht als Verrat, sondern als notwendigen Reifungsprozess. Es löst das Problem der diffusen Orientierungslosigkeit, indem es die Abhängigkeit der letzten 25 Jahre historisch einordnet und konkrete Fehler benennt, ohne in Schuldzuweisung zu verfallen.
Beim Lesen entsteht bei mir ein Gefühl von klarsichtiger Ernüchterung, gepaart mit einer Art vorsichtiger Hoffnung: Es ist kein Panikmache-Buch, sondern eines, das den Verlust eines Weltbilds als Chance darstellt. Der konkrete Mehrwert liegt in Starks journalistischer Präzision – er baut auf Gesprächen mit Schlüsselfiguren aus Berlin, Brüssel und Washington auf und schreibt dabei so anschaulich und schnörkellos, dass geopolitische Komplexität plötzlich greifbar wird. Es ist kein zynisches Abrechnen, sondern ein Aufruf zur Verantwortung.
Ideal für: Politisch interessierte Leser, die über den Tag hinausdenken und eine fundierte Einordnung der aktuellen transatlantischen Krise suchen – jenseits von Schlagzeilen und Parteirhetorik. Wer Bücher wie "Die Welt von gestern" von Stefan Zweig (für die sensible Beobachtung historischer Epochenwechsel) oder aktuelle Analysen von Robin Alexander oder Ingo Zamperoni schätzt, wird hier eine ähnlich kluge, differenzierte Perspektive finden.
Eher nichts für: Leser, die schnelle, einfache Lösungen oder eine reine Abrechnung mit Trump/Amerika erwarten – Stark bleibt bewusst ambivalent und fordert vom Leser, Grautöne auszuhalten. Auch wer rein emotionale oder populistische Narrative sucht, könnte das Buch als zu nüchtern und faktenbasiert empfinden.









