Uwe Neumahr: "Die Buchhandlung der Exilanten - Paris 1940" – Rezension
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Zuletzt aktualisiert am 27. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Autor: Uwe Neumahr, deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller
"Die Buchhandlung der Exilanten" ist eine bewegende, quellennahe Rekonstruktion von Literatur als Zuflucht und leisem Widerstand im besetzten Paris – ein Buch, das Adrienne Monnier und Sylvia Beach als mutige, verletzliche Heldinnen zeigt und Leser anspricht, die Geschichte durch die Brille von Büchern und menschlichen Beziehungen verstehen wollen.
Worum geht’s?
Das Buch erzählt die Geschichte zweier Frauen – Adrienne Monnier und Sylvia Beach –, deren Buchhandlungen in Paris ("La Maison des Amis des Livres" und "Shakespeare and Company") in den 1920er-Jahren zu Treffpunkten der literarischen Avantgarde wurden, und wie diese Orte unter der deutschen Besatzung ab 1940 zu fragilen Inseln des Widerstands, der Zuflucht und der stillen Subversion gerieten. Der Kernkonflikt liegt in der Spannung zwischen kultureller Freiheit und totalitärer Kontrolle: Wie lange kann Literatur als Akt des Widerstands überleben, wenn Bücher verboten, Menschen deportiert und Freundschaften zerbrechen?
Ein eindringliches Detail, das den Ton des Buches einfängt: Im Herbst 1942, als die Gestapo bereits misstrauisch wird, organisiert Adrienne Monnier in ihrer Buchhandlung eine heimliche Lesung eines subversiven "Faust"-Textes – ein Moment, in dem die bloße Geste des Vorlesens zu einem riskanten Statement wird, während draußen die Besatzer die Straßen kontrollieren. Dieser stille, aber mutige Akt macht greifbar, worum es wirklich geht: Bücher als letzte Bastion gegen die Zerstörung des Geistes.
Warum lesen?
Als jemand, der sich mit der Literatur der Zwischenkriegszeit und des Exils auseinandergesetzt hat, finde ich Neumahrs Ansatz erfrischend: Er erzählt nicht nur die glamouröse "Lost Generation"-Ära, sondern legt den Fokus auf die weniger bekannte Phase der Besatzung und zeigt, wie die beiden Frauen – ein lesbisches Paar – inmitten von Verrat, Hunger und Deportationen weitermachten. Das Buch löst das Problem der Romantisierung der 1920er-Jahre, indem es den Kontrast zur harten Realität der 1940er-Jahre zeichnet: Freundschaften mit Walter Benjamin, Siegfried Kracauer oder Gertrude Stein werden plötzlich existentiell bedroht.
Beim Lesen entsteht bei mir ein Gefühl von bedrückender Nähe zur Geschichte – man spürt die Enge, die Angst, aber auch die unerschütterliche Kraft von Literatur als Lebensmittel. Der konkrete Mehrwert liegt in Neumahrs akribischer Quellenarbeit (Archivstudien, Briefe, Tagebücher) kombiniert mit einem klaren, empathischen Erzählstil: Er macht die Protagonistinnen greifbar menschlich, ohne Pathos, und zeigt, wie Widerstand oft in kleinen, unspektakulären Gesten besteht.
Ideal für: Leser, die an der Schnittstelle von Literaturgeschichte, Exil und NS-Besatzung interessiert sind und eine nuancierte, quellenbasierte Erzählung schätzen. Wer Bücher wie "Shakespeare and Company" von Sylvia Beach selbst, "Das Café der verlorenen Schriftsteller" von Jeremy Mercer oder Sachbücher zu Walter Benjamin (z. B. von Howard Eiland) mochte, wird hier eine ergänzende, fokussierte Perspektive finden – vor allem, wenn man die weniger bekannten Jahre der Besatzung kennenlernen möchte.
Eher nichts für: Leser, die reine Belletristik oder dramatische Thriller-Elemente erwarten – das Buch ist Sachbuch, ruhig und detailreich erzählt. Auch wer schnelle Lektüre oder eine ausschließliche Fokus auf die glamourösen 1920er-Jahre sucht, könnte die ernste, bedrückende Besatzungszeit als zu schwer empfinden.









