Wie man wieder ins Lesen kommt – ein praktischer Leitfaden aus meiner eigenen Erfahrung
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Ich höre oder lese immer wieder von anderen Menschen: "Früher habe ich ständig gelesen, aber das ist irgendwann eingeschlafen. Ich würde zwar gern wieder mehr lesen – aber ich komme einfach nicht rein."
Vielleicht kennen Sie das auch. Bücher stapeln sich auf dem Nachttisch, die Leseliste wird länger, aber abends landet man doch wieder bei Netflix oder am Handy.
Aber keine Sorge, das hat nichts mit Faulheit zu tun. Und auch nichts damit, dass man "kein Leser mehr" ist.
Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit Büchern, lese sehr viel und betreibe eine Website mit kuratierten Bestenlisten aus allen möglichen Genres. Und selbst ich habe immer wieder Phasen, in denen ich kaum zum Lesen komme. Deshalb habe ich im Laufe der Zeit ein paar Strategien entwickelt, die erstaunlich zuverlässig funktionieren. Hier ist mein ganz persönlicher Leitfaden, um wieder ins Lesen zu finden.
Von Marcel Behling
Warum wir das Lesen oft "verlernen"
Viele glauben, sie hätten einfach nicht mehr genug Disziplin. Aber das Problem liegt meist woanders. Unser Alltag ist heute anders als früher:
Ständige Ablenkung durch Smartphone & Social Media
Serien, Podcasts, YouTube
Weniger lange Konzentrationsphasen durch Medien- bzw. Reizüberflutung
Und oft: die falschen Bücher zur falschen Zeit
Ich sehe das auch bei Freunden: Sie wollen nach Jahren Pause wieder lesen – und greifen direkt zu einem 800-Seiten-Klassiker oder einem anspruchsvollen Sachbuch. Nach 40 Seiten geben sie auf und denken: "Lesen ist einfach nichts mehr für mich." Dabei sollte man einfach nur einen anderen Einstieg wählen.
Wichtigste Regel: Fangen Sie nicht mit "wichtigen" Büchern an
Der häufigste Fehler überhaupt besteht darin, dass viele mit Büchern starten, von denen sie glauben, dass sie sie lesen sollten. Klassiker, anspruchsvolle Literatur, große Namen. Ich biete auf dieser Webseite natürlich viele Listen rund um solche Werke an, ja auch z.B. eine Liste mit 100 Büchern, die man aus meiner Sicht im Leben gelesen haben sollte. Aber an solchen Empfehlungen sollten Sie sich nicht orientieren, wenn Sie in einer Leseflaute stecken. Machen Sie es dann genau andersherum. Greifen Sie erst mal zu wirklich spannenden Büchern rund um ihre persönlichen Lieblingsthemen, zu Werken, die Sie schnell fesseln, und für den Anfang auch einfach zu kürzeren Texten. Leselust ist am Anfang viel wichtiger als literarischer Anspruch. Erst der Spaß bringt die Gewohnheit zurück. Der Rest kommt von allein.
Meine Schritt-für-Schritt-Methode, um wieder eine Leseroutine aufzubauen
So gehe ich ganz praktisch vor:
1. Mini-Ziele statt großer Vorsätze
Sagen Sie sich nicht: "Ich lese jetzt jeden Tag eine Stunde." Sondern: 10–15 Minuten. Oder 10 Seiten. Das klingt lächerlich wenig – funktioniert aber. Fast jeder kann 10 Minuten lesen. Und oft werden daraus automatisch mehr, da Sie nach 10 Minuten "Pflicht" noch Lust haben, ein wenig weiterzulesen - mit dem guten Gefühl, schon mehr "geleistet" zu haben, als Sie sich vornahmen.2. Hürden abbauen
Ich lege das Buch, das ich aktuell lese, sichtbar in meine Wohnung. Nicht ins Regal, nicht in Taschen, es liegt sichtbar auf dem Tisch, dem Nachttisch, der Kommode, dem Schränkchen im Badezimmer. Lesen scheitert selten am Willen – sondern oft an Bequemlichkeit. Wenn das Buch griffbereit ist, greife ich automatisch oft zu und lese ein wenig zwischen zwei anderen Tätigkeiten.3. Das richtige Buch wählen
Ich stelle mir während Leseflauten nur eine Frage bei der Buchwahl: "Habe ich gerade Lust darauf?" Nicht: "Ist das wichtig? Sollte man das gelesen haben?" Worüber die Gesellschaft grade spricht, ist erst mal egal. Es zählt dann nur: Lust. Manchmal ist das ein anspruchsvoller Roman. Manchmal ein "simpler" Pageturner-Thriller. Beides ist völlig okay.4. Bücher abbrechen ist erlaubt
Das ist für die meisten Leute, die Probleme mit der Motivation haben, ein echter Gamechanger. Früher habe auch ich mich durch Bücher gequält, heute mache ich dies nicht mehr. Wenn mich ein Buch nach höchstens 40 Seiten nicht packt oder es bis dahin kein Interesse am weiteren Verlauf weckt, lege ich es weg. Ohne schlechtes Gewissen. Ich lese jedes Jahr viele Bücher – und breche trotzdem einige ab. Und genau damit vermeide ich, die Lust am lesen zu verlieren und lese letztlich insgesamt mehr als Leute, die sich durch angefangene Bücher quälen.
Welche Bücher sich besonders gut für den Wiedereinstieg eignen
Aus meiner Erfahrung funktionieren bestimmte Arten von Büchern fast immer:
Leichte, zugängliche Romane
Klare Sprache, starke Handlung, keine komplizierten Strukturen.Spannende Thriller oder Krimis
Perfekt, um wieder dieses „Ich will wissen, wie es weitergeht“-Gefühl zu bekommen.Erzählende Sachbücher
Also keine trockenen Fachtexte, sondern gut geschriebene Geschichten mit Wissen.Kürzere Klassiker
Es gibt viele großartige, schlanke Werke – man muss nicht gleich mit 1000 Seiten anfangen.
Auf meiner Website habe ich zu all diesen Bereichen eigene Empfehlungslisten zusammengestellt. Wenn Sie unsicher sind, fangen Sie dort einfach mit etwas an, das Sie spontan anspricht. Bauchgefühl schlägt Pflichtgefühl.
Meine persönliche Leseroutine
Vielleicht hilft dir ein Blick darauf, wie ich selbst lese. Ich habe keine komplizierten Systeme. Ich lese:
Morgens lese ich ein paar Seiten zum Start in den Tag. Machen die meisten Menschen mit den Nachrichten, während ich diesbezüglich nur Überschriften und Kurzinfos überfliege und eher auf "nachhaltigere" Buchinhalte setze statt auf Tagespolitik, die in Kürze schon keine Rolle mehr spielt.
Tagsüber greife ich in Pausen zwischen zwei anderen Tätigkeiten oft zu einem Buch und lese ein wenig darin, während ich in der Wohnung damit "herumwandere". Lesen im Stehen oder Gehen ist ohnehin empfehlenswert, wie man auch vielen Erfahrungsberichten entnehmen kann.
Abends im Bett liegt mein Handy lediglich auf dem Nachttisch, während ich noch ein wenig lese, bis mir die Augen zufallen.
Auf meiner Website habe ich zu all diesen Bereichen eigene Empfehlungslisten zusammengestellt. Wenn Sie unsicher sind, fangen Sie dort einfach mit etwas an, das Sie spontan anspricht. Bauchgefühl schlägt Pflichtgefühl.
Fazit und Gedanke zum Schluss
Wenn mir jemand sagt, er komme nicht ins Lesen, stecken also fast immer diese Dinge dahinter: Zu ambitionierte Ziele, zu schwierige Bücher, Lesen aus Pflichtgefühl, zu viele Ablenkungen und schließlich das schlechte Gewissen, Bücher abzubrechen. Dabei sollte Lesen genau das Gegenteil sein: die entspannteste Beschäftigung der Welt.
Also: Man muss nicht 50 Bücher im Jahr lesen. Fünf richtig gute reichen völlig. Lesen soll kein Selbstoptimierungsprojekt sein, sondern Neugier und Freude wecken.
Wenn Sie also wieder anfangen wollen: Suchen Sie sich ein Buch, das Sie ehrlich interessiert. lesen Sie ein paar Seiten täglich Seiten aus reiner Lust am Genuss. Mehr braucht es oft gar nicht.
Und wenn Sie Inspiration suchen: Auf meiner Seite finden Sie viele kuratierte Bestenlisten aus verschiedenen Genres und Epochen. Vielleicht wartet dort schon Ihr nächstes Lieblingsbuch. Ich habe auch eine Übersicht über die beliebtesten Listen zusammengestellt. Diese Bücher scheinen die meisten Leute besonders zu interessieren. Vielleicht ist ja auch etwas für Sie dabei? Stöbern Sie einfach ein wenig und denken Sie ans Lustprinzip.
Über den Autor Marcel Behling
Seit 2009 kuratiere ich als Gründer von "Die besten aller Zeiten" (DBAZ) handverlesene Buchempfehlungen abseits von Mainstream-Bestsellern. Als passionierter Vielleser mit Fokus auf philosophische Tiefe prüfe ich jedoch nicht nur Neuerscheinungen persönlich auf ihre Substanz, sondern ordne auch zeitlose Klassiker der Weltliteratur und bedeutende Literaturthemen fachlich ein. Mein Ziel ist es, eine fundierte Orientierung in der Welt der Literatur und Philosophie zu bieten. Bei mir zählt die echte Leseerfahrung und die tiefe Auseinandersetzung v.a. mit existenzialistischen Themen.






