Die Bücher des Jahres - Persönliche Buchempfehlungen
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Zuletzt aktualisiert am 20. Februar 2026 • Von Marcel Behling
Der Literaturkritiker Denis Scheck sagte einmal vor ein paar Jahren über den Roman "Tyll" von Daniel Kehlmann: "Wenn Sie dieses Jahr nur ein Buch lesen, lesen Sie dieses!". In diesem Sinne möchte ich hier für "Wenigleser" jedes Jahr das jeweilige Buch des Jahres vorstellen. Der Vorschlag mag Leuten helfen, die nur selten ein Buch lesen und daher nur zur "Crème de la Crème" greifen möchten.
Je nach Vorliebe für die unterschiedlichen Genres präsentiere ich hierbei einen Roman, einen Krimi bzw. Thriller sowie ein Sachbuch des Jahres, die ich im jeweiligen Erscheinungsjahr als besonders herausragend wahrgenommen habe.
Die meiner Meinung nach besten Bücher des Jahres
- Roman des Jahres 2025: "Wackelkontakt" von Wolf Haas
- Roman des Jahres 2024: "Demon Copperhead" von Barbara Kingsolver
- Krimi/Thriller des Jahres 2025: "The Secret of Secrets" von Dan Brown
- Krimi/Thriller des Jahres 2024: "Maror" von Lavie Tidhar
- Sachbuch des Jahres 2025: "Wenn Russland gewinnt - Ein Szenario" von Carlo Masala
- Sachbuch des Jahres 2024: "Material World" von Ed Conway
Meine Romane des Jahres
Roman des Jahres 2025: "Wackelkontakt" von Wolf Haas
Autor: Wolf Haas, österreichischer Schriftsteller
"Wackelkontakt" verwebt die Wartezeit eines einsamen Trauerredners auf einen Elektriker mit der Fluchtgeschichte eines Ex-Mafioso zu einem raffinierten, humorvoll-melancholischen Möbiusband über fehlende Verbindungen – ein Buch für das Leser mit Freude an literarischen Tricks und trockenem Witz.
Worum geht’s?
In Wolf Haas’ Roman "Wackelkontakt" begegnen sich zwei Erzählstränge, die auf geheimnisvolle Weise ineinandergreifen. Da ist Franz Escher, der in seiner Wohnung auf einen Elektriker wartet und dabei in ein Buch über den ehemaligen Mafia-Informanten Elio Russo eintaucht. Elio wiederum sitzt im Gefängnis, ringt mit seiner Angst vor Vergeltung und vertreibt sich die Zeit mit der Lektüre eines Romans – über Franz Escher.
Der Kernkonflikt entsteht aus dieser Verschachtelung: Beide Figuren lesen voneinander, und ihre Realitäten beginnen sich gegenseitig zu durchdringen – bis hin zu tödlichen Konsequenzen. Ein spezifisches, greifbares Detail ohne Spoiler: Escher legt zwischendurch ein Puzzle beiseite, bei dem genau das mittlere Stück fehlt, was metaphorisch für die Lücken in seinen eigenen Verbindungen zur Welt steht und die ganze Erzählkonstruktion subtil vorwegnimmt.
Warum lesen?
Als jemand, der viele meta-fiktive und verschachtelte Texte kennt, finde ich "Wackelkontakt" besonders stark, weil Haas die Grenze zwischen Leser und Figur, zwischen erzählter und erlebter Realität, nicht nur thematisiert, sondern buchstäblich zum Motor der Handlung macht. Das Buch löst das diffuse Gefühl vieler Menschen, in ihrem Alltag "Wackelkontakte" zu haben – emotionale Kurzschlüsse, fehlende Verbindungen –, indem es zeigt, wie solche kleinen Störungen ganze Identitäten ins Wanken bringen können.
Es hinterlässt eine Mischung aus intellektueller Befriedigung und leichter Irritation: Man lacht über die Absurditäten, spürt aber gleichzeitig die Melancholie dahinter. Der konkrete Mehrwert liegt in Haas' trockenem, pointiertem Stil – kurze Sätze, präzise Beobachtungen, österreichischer Understatement-Humor –, der die komplexe Struktur nie schwer wirken lässt, sondern sie fast spielerisch auflöst.
Für wen geeignet?
Wer Paul Austers "New York-Trilogie" oder Italo Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" mochte, wird "Wackelkontakt" lieben – beide teilen diese Lust am Spiel mit Erzählebenen und Identitäten, nur dass Haas es mit mehr Alltagsnähe und schwarzem Humor versieht.
Ideal für: Menschen, die clevere literarische Konstruktionen schätzen, ohne dass sie zu akademisch werden; Leser, die in einem Buch mehr als reine Spannung suchen – etwa Reflexion über Einsamkeit, Identität und Zufall –, und die trockenen Witz und sprachliche Präzision genießen. Perfekt für ruhige Abende, an denen man Lust auf etwas hat, das den Kopf anregt und gleichzeitig unterhält.
Eher nichts für: Leser, die lineare Handlungen und klare Auflösungen bevorzugen; wer Action oder klassische Krimi-Spannung erwartet, könnte die Verschachtelung als Umweg oder Verwirrung empfinden. Auch wer keine meta-fiktiven Spielereien mag, wird sich schnell langweilen.
Roman des Jahres 2024: "Demon Copperhead" von Barbara Kingsolver
Autorin: Barbara Kingsolver, US-amerikanische Schriftstellerin
Preisgekrönter, an Charles Dickens’ "David Copperfield" angelehnter Roman über das Aufwachsen eines Jungen im verarmten ländlichen Amerika, geprägt von Sucht, sozialer Not und unbedingtem Überlebenswillen.
Worum geht’s?
"Demon Copperhead" erzählt die Lebensgeschichte eines Jungen namens Damon Fields – genannt Demon wegen seiner roten Haare und seines rebellischen Geistes –, der in den 1980er/90er Jahren in den ärmsten Ecken von Lee County, Virginia, aufwächst. Grob geht es um seinen Weg von der Geburt in einem Trailer bis ins junge Erwachsenenalter, geprägt von Armut, familiärer Zerrüttung und dem sich ausbreitenden Opioid-Krise.
Im Zentrum steht die Frage, ob ein Kind aus solchen Verhältnissen je eine echte Chance hat, oder ob das System – von überforderten Pflegefamilien über pillenverteilende Ärzte bis hin zu einer Wirtschaft, die ganze Regionen aufgibt – ihn zwangsläufig zerbricht. Kingsolver zeigt, wie persönliches Schicksal und gesellschaftliche Strukturen untrennbar verknüpft sind. Ein spezifisches Detail, das den Kern greifbar macht: Demon starrt als Kind hungrig auf die sorgfältig gepackten Lunchpakete seiner Klassenkameraden und zeichnet nachts Essen – ein stiller, herzzerreißender Moment, der die alltägliche Demütigung von Armut und den verzweifelten Versuch, Würde zu bewahren, einfängt.
Warum lesen?
Als Kenner vieler Coming-of-Age-Romane erscheint mir "Demon Copperhead" darin herausragend, dass Kingsolver die Dickens-Vorlage ("David Copperfield") nicht nur aktualisiert, sondern radikal in die Gegenwart Amerikas verpflanzt – mit einer Wut und Präzision, die selten ist. Es löst das Problem der Abstraktheit vieler Debatten über Armut und Sucht, indem es uns durch Demons ungeschminkte, oft sarkastische Ich-Erzählstimme direkt ins Innere zwingt: Man spürt den Hunger, die Scham, die kleinen Siege.
Das Buch hinterlässt ein Gefühl von tiefer Betroffenheit, gepaart mit widerwilliger Hoffnung – es ist kein Trostbuch, aber auch kein reines Elend. Der konkrete Mehrwert liegt in Demons Sprache: roh, witzig, bildhaft, voller Appalachen-Slang und Selbstironie. Kingsolver schafft es, dass man trotz aller Härte mitfiebert und am Ende einen neuen Respekt vor der Resilienz von Menschen in vergessenen Regionen entwickelt.
Für wen geeignet?
Wer "The Nickel Boys" von Colson Whitehead oder "The Grapes of Wrath" von John Steinbeck mochte, wird "Demon Copperhead" lieben – alle drei teilen diese unbarmherzige Blick auf systemisches Unrecht, kombiniert mit starker Figurenzeichnung und moralischer Dringlichkeit.
Ideal für: Leser, die anspruchsvolle Literatur wollen, die zugleich unterhält und aufrüttelt – etwa Menschen, die sich für soziale Themen wie Opioid-Krise, ländliche Armut oder Pflegesystem interessieren. Perfekt für alle, die eine starke Stimme und emotionale Tiefe schätzen, ohne dass es sentimental wird.
Eher nichts für: Wer leichte, optimistische oder actionlastige Lektüre sucht. Wer mit sehr langen, detaillierten Beschreibungen von Elend und Sucht überfordert ist oder der Erzählstimme eines Teenagers aus prekären Verhältnissen nichts abgewinnen kann – das Buch ist intensiv und verlangt emotionale Bereitschaft.
Meine Krimis & Thriller des Jahres
Krimi/Thriller des Jahres 2025: "The Secret of Secrets" von Dan Brown
Autor: Dan Brown, US-amerikanischer Thriller-Schriftsteller
"The Secret of Secrets" jagt Robert Langdon durch eine Verschmelzung von Noetik-Wissenschaft und uralter Mystik auf der Suche nach dem, was jenseits des Todes liegt – ein rasant erzählter Thriller, der Fans von gedankenanregender Pop-Philosophie einen unterhaltsamen, wenn auch spekulativen Denkanstoß über Bewusstsein und Unsterblichkeit gibt.
Worum geht’s?
"The Secret of Secrets" führt Robert Langdon, den vertrauten Harvard-Symbologen, nach Prag, wo er die Noetik-Wissenschaftlerin Katherine Solomon begleitet – eine Frau, mit der er eine persönliche Verbindung aufbaut. Grob geht es um eine verschwundene Person und eine Jagd durch europäische und amerikanische Städte, die Wissenschaft, Mystik und verborgene Projekte verknüpft.
Der Kernkonflikt dreht sich um die Frage, was Bewusstsein wirklich ausmacht und ob es über den physischen Tod hinausreicht – eine These, die Brown durch futuristische Noetik-Forschung und alte esoterische Traditionen kollidieren lässt. Ein spezifisches Detail, das den Kern greifbar macht: In einer frühen Szene sitzt Langdon in einem Prager Hotelzimmer und betrachtet ein altes Manuskript neben modernen neuro-wissenschaftlichen Scans auf Katherines Laptop – ein visueller Kurzschluss zwischen mittelalterlicher Alchemie und Quanten-basierten Bewusstseinsmodellen, der die ganze Spannung vorwegnimmt.
Warum lesen?
Aus meiner Perspektive macht "The Secret of Secrets" einzigartig, dass Brown hier nicht nur Symbole knackt, sondern direkt ans Eingemachte der menschlichen Existenz geht: die Angst vor dem endgültigen Nichts. Es löst das Problem, dass wir im Alltag Bewusstsein als selbstverständlich nehmen, indem es uns mit handfesten (wenn auch spekulativen) Ideen konfrontiert, wie Noetik und Quantenphänomene Sterblichkeit neu denken lassen könnten.
Das Buch hinterlässt ein Gefühl von aufgeregter Unruhe – man ist unterhalten, aber gleichzeitig ein bisschen aus dem Gleichgewicht, weil die Grenze zwischen "möglich" und "Wunschdenken" verschwimmt. Der konkrete Mehrwert liegt in Browns Fähigkeit, komplexe Konzepte in atemlose Prosa zu packen: kurze Kapitel, Cliffhanger-Mechanik und Erklärstücke, die nie belehrend wirken, sondern den Puls hochhalten. Es ist weniger historisch tiefgründig als "The Da Vinci Code", dafür philosophisch ambitionierter.
Für wen geeignet?
Wer "Origin" mochte – vor allem den Mix aus KI, Wissenschaft und spiritueller Suche –, wird "The Secret of Secrets" lieben; es fühlt sich wie eine direkte Fortsetzung an, nur mit stärkerem Fokus auf Inneres statt Äußeres. Ähnlich wie bei Blake Crouchs "Dark Matter" geht es um Bewusstseinsfragen, nur mit Browns typischem Globetrotting und Symbol-Rätseln.
Ideal für: Leser, die rasante Thriller mit intellektueller Tiefe wollen – Menschen, die neugierig auf Noetik, Quantenmystik oder Nahtoderfahrungen sind, ohne dass es zu trocken-wissenschaftlich wird. Perfekt für alle, die in einem Buch Action, Rätsel und eine große "Was-wäre-wenn"-Frage suchen.
Eher nichts für: Puristen, die historische Genauigkeit oder stringente Wissenschaft erwarten – Brown nimmt sich Freiheiten. Wer die Formel (Langdon rennt, erklärt Symbole, rettet die Welt) satthat oder keine Lust auf 680 Seiten mit wiederkehrenden Mustern hat, könnte genervt aufgeben.
Krimi/Thriller des Jahres 2024: "Maror" von Lavie Tidhar
Autor: Lavie Tidhar, israelischer Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller
Düsteres Thriller-Epos, das anhand realer Ereignisse die gewaltvolle Geschichte Israels von 1974 bis 2008 als vielschichtigen Kriminalroman erzählt.
Worum geht’s?
Maror" von Lavie Tidhar ist ein epischer, episodischer Thriller, der über vier Jahrzehnte und mehrere Kontinente die Schattenseiten Israels durchleuchtet – von den 1970er Jahren bis in die frühen 2000er. Grob geht es um einen korrupten, drogenabhängigen Polizisten namens Avi Cohen, der in Tel Aviv in brutale Ermittlungen verwickelt ist, während das Buch lose verbundene Episoden aus Israels krimineller und politischer Unterwelt aneinanderreiht: Drogenhandel, Korruption, Kriege und organisierte Kriminalität.
Im Mittelpunkt steht die These, dass Israels Nationenbildung und sein Überleben untrennbar mit moralischem Verfall, Gewalt und Kompromissen verbunden sind – eine Art dunkle Chronik, in der Idealismus und Realpolitik ständig kollidieren und der Staat selbst zum Komplizen wird. Ein spezifisches Detail, das den Kern greifbar macht: In einer frühen Szene stürmt der benebelte Avi eine Wohnung, um einen Verdächtigen zu verhören, und die Szene eskaliert in chaotische, brutale Gewalt – ein Moment, der zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher in diesem Universum ist, und wie persönliche Zerstörung und staatliche Notwendigkeit ineinandergreifen.
Warum lesen?
Aus meiner Sicht macht "Maror" im Vergleich zu üblichen politisch aufgeladenen Noir-Thrillern einzigartig, dass Tidhar die Form des klassischen Krimis sprengt und stattdessen eine mosaikartige, fast dokumentarische Abrechnung mit Israels "schmutziger" Geschichte liefert – basierend auf realen Ereignissen, aber durch eine fiktive Linse verdichtet. Es löst das Problem der oft idealisierten oder vereinfachten Darstellungen Israels, indem es ohne Moralpredigt die Grauzonen zeigt: Wie Korruption, Drogen und Gewalt nicht Ausnahmen, sondern Bausteine des Systems waren und sind.
Das Buch hinterlässt ein Gefühl von bitterer Klarheit und leiser Erschütterung – man ist fasziniert, angewidert und nachdenklich zugleich. Der konkrete Mehrwert liegt in Tidhars Stil: rauer, zynischer Humor, knappe Sätze, filmische Schnitte zwischen Zeiten und Orten, die das Chaos der Geschichte spürbar machen. Es zwingt einen, die eigene Haltung zu Geschichte, Macht und Moral neu zu überdenken.
Für wen geeignet?
Wer "The Power of the Dog" von Don Winslow oder "The Sympathizer" von Viet Thanh Nguyen mochte, wird "Maror" lieben – beide verbinden harten Crime mit tiefer historisch-politischer Analyse und zeigen Staaten durch ihre Verbrechen hindurch.
Ideal für: Leser, die komplexe, nicht-lineare Thriller schätzen und Interesse an Israels realer Geschichte haben – etwa Menschen mit Hintergrund in Nahost-Politik, Krimi-Fans, die mehr als Spannung wollen, oder alle, die Literatur suchen, die unbequeme Wahrheiten ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt.
Eher nichts für: Wer klassische, lineare Krimis mit klarer Auflösung und sympathischen Helden erwartet. Wer mit expliziter Gewalt, Drogenbeschreibungen und moralischer Ambivalenz überfordert ist oder keine Lust auf ein 600-Seiten-Epos hat, das mehr Chronik als klassischer Plot ist.
Meine Sachbücher des Jahres
Sachbuch des Jahres 2025: "Wenn Russland gewinnt - Ein Szenario" von Carlo Masala
Autor: Carlo Masala, deutscher Politikwissenschaftler und Hochschullehrer
"Wenn Russland gewinnt" entwirft ein plausibles, dystopisches Szenario vom Kollaps der NATO-Glaubwürdigkeit nach einem russischen Ukraine-Erfolg und schenkt Lesern mit sicherheitspolitischem Interesse einen scharfen, narrativen Weckruf, der Europa drängt, Abschreckung ernst zu nehmen – bevor das Gedankenspiel Realität wird.
Worum geht’s?
Das Buch skizziert eine mögliche nahe Zukunft, in der Russland den Krieg in der Ukraine de facto gewinnt – nicht durch totalen militärischen Triumph, sondern durch Erschöpfung des Westens und erzwungene "Friedens"-Deals. Grob geht es um eine Kette von Ereignissen: Die Ukraine kapituliert unter Druck, Russland installiert ein Marionettenregime, zieht sich aus Europa teilweise zurück, um sich auf China zu fokussieren, und testet schließlich die NATO-Grenzen.
Ein russischer Erfolg würde nicht nur die Ukraine kosten, sondern die gesamte europäische Sicherheitsordnung und vor allem die Glaubwürdigkeit des NATO-Bündnisfalls (Artikel 5) zerstören – durch schrittweise, hybride Provokationen, die den Westen vor die Wahl stellen: Eskalation oder Kapitulation. Ein spezifisches, greifbares Detail: Masala beschreibt detailliert, wie russische Truppen in einem Grenzstädtchen wie Narva (Estland, mehrheitlich russischsprachig) unter dem Vorwand des Schutzes einer "bedrohten Minderheit" intervenieren – eine Szene, die bewusst an 2014 in der Ukraine erinnert und zeigt, wie dünn die Linie zwischen Propaganda und realer Invasion sein kann.
Warum lesen?
Als jemand, der seit Jahren sicherheitspolitische Debatten in den Medien verfolgt, finde ich das Buch lesenswert, weil Masala die übliche abstrakte Expertenrhetorik verlässt und stattdessen narrativ erzählt – fast wie einen politischen Thriller, aber mit Fußnoten und Quellen. Es löst das Problem der verbreiteten "Das-wird-schon-nicht-passieren"-Haltung, indem es plausibel vorführt, wie kleine Zugeständnisse (weniger Munition, verzögerte Hilfe, innere Spaltung) kumulativ zu einem strategischen Desaster führen können.
Es hinterlässt ein unbequemes, waches Gefühl: nicht Panik, sondern nüchterne Unruhe und den Impuls, genauer hinzuschauen. Der konkrete Mehrwert liegt in der Klarheit der Argumentation – Masala zeigt, dass Russlands Kalkül auf westliche Ermüdung setzt und dass Abschreckung nur funktioniert, wenn sie glaubwürdig vorbereitet wird. Sein klarer, direkter Stil (kein Fachchinesisch) macht komplexe geopolitische Dynamiken für Nicht-Experten zugänglich, ohne sie zu vereinfachen.
Für wen geeignet?
Wer Timothy Snyders "Über Tyrannei" oder "Bloodlands" mochte – weil es dort um historische Lektionen geht –, wird Masalas Szenario lieben; es ist die zeitgenössische, zukunftsgerichtete Variante davon. Ähnlich wie bei Lawrence Freedmans strategischen Analysen geht es um realistische Machtkalküle statt Ideologie.
Ideal für: Politisch interessierte Menschen, die den Ukraine-Krieg nicht nur emotional, sondern strategisch verstehen wollen. Lehrer, Journalisten, Studierende der Internationalen Beziehungen oder alle, die sich fragen, was ein "Sieg" Russlands wirklich für Europa bedeuten würde – kurz: für Leser, die Warnungen ernst nehmen und daraus Handlungsoptionen ableiten möchten.
Eher nichts für: Menschen, die nur Schwarz-Weiß-Denken ertragen (entweder "Russland ist böse" oder "der Westen ist schuld") oder die jede kritische Auseinandersetzung mit NATO-Schwächen als "Putin-Versteher"-Position ablehnen. Wer schnelle Lösungen oder optimistische Prognosen sucht, wird frustriert sein.
Sachbuch des Jahres 2024: "Material World" von Ed Conway
Autor: Ed Conway, britischer Journalist und Wirtschaftsredakteur
Spannend erzähltes Sachbuch, das zeigt, wie sechs zentrale Rohstoffe seit der Antike Macht, Fortschritt und die künftige Weltordnung bestimmen.
Worum geht’s?
"Material World" von Ed Conway nimmt uns mit auf eine globale Reise durch die verborgenen Grundlagen unserer Zivilisation – weg von der Idee einer "entmaterialisierten" digitalen Welt hin zu den physischen Stoffen, die alles ermöglichen. Konkret geht es um sechs zentrale Rohstoffe: Sand, Salz, Eisen, Kupfer, Öl und Lithium, deren Förderung, Verarbeitung und Nutzung die moderne Gesellschaft formen – von Beton über Stromnetze bis zu Batterien.
Im Zentrum steht die These, dass wir trotz aller Digitalisierung und Dienstleistungsökonomie tiefer denn je von diesen Materialien abhängen: Je "immaterieller" unser Leben wird (Apps, Internet, Elektroautos), desto massiver muss die materielle Basis sein – und desto vulnerabler sind wir gegenüber Engpässen, geopolitischen Risiken und Umweltkosten. Ein spezifisches Detail, das den Kern greifbar macht: Conway beschreibt, wie in einer taiwanesischen Chipfabrik ultra-reiner Sand zu Silizium-Schichten verarbeitet wird – in Räumen, die sauberer sind als Operationssäle –, und zeigt damit, wie alltägliche Sandkörner (die wir sonst nur als Strand empfinden) die Grundlage für die gesamte digitale Infrastruktur bilden, ohne die kein Smartphone oder Server läuft.
Warum lesen?
Für alle, die sich oft mit Technik, Wirtschaft und Nachhaltigkeit beschäftigen, lohnt sich "Material World" unbedingt, weil Conway die abstrakte Abhängigkeit von Rohstoffen konkret und greifbar macht – er reist selbst in Minen, Salzseen und Fabriken und erzählt daraus lebendig, ohne je trocken zu werden. Es löst das Problem, dass wir die physischen Fundamente unserer Zivilisation ignorieren oder unterschätzen, indem es zeigt, wie viel Energie, Ingenieurskunst und globale Vernetzung nötig sind, um aus Sand Glasfasern, aus Lithium Batterien oder aus Kupfer Stromleitungen zu machen.
Das Buch hinterlässt ein Gefühl von Staunen gemischt mit leiser Sorge: Man fühlt sich wacher für die Zerbrechlichkeit unseres Systems. Der konkrete Mehrwert liegt in Conways journalistischem Erzählstil – klar, bildhaft, voller überraschender Anekdoten und Verbindungen –, der komplexe Prozesse zugänglich macht und einen neuen Blickwinkel schenkt: Statt "Fortschritt" als rein geistig zu sehen, erkennt man die harte Materialität dahinter und die Notwendigkeit, diese klüger zu managen.
Für wen geeignet?
Wer "The Box" von Marc Levinson (über den Container) oder "Salt" von Mark Kurlansky mochte, wird "Material World" lieben – beide Bücher machen unscheinbare Dinge zu Helden der Geschichte, nur dass Conway es breiter und aktueller anlegt, mit klarem Blick auf Energie- und Klimawende.
Ideal für: Neugierige Leser, die verstehen wollen, wie die reale Welt hinter Smartphones, erneuerbaren Energien und Infrastruktur funktioniert – etwa Ingenieure, Wirtschaftsinteressierte, Umwelt- und Technikbegeisterte oder alle, die in Zeiten von Lieferkettenkrisen und Rohstoffknappheit fundierte Einblicke suchen, ohne Fachbuch-Niveau.
Eher nichts für: Wer reine Unterhaltung oder leichte Lektüre erwartet. Wer mit detaillierten Beschreibungen von Abbauprozessen, Geopolitik oder technischen Details überfordert ist oder keine Lust auf ein Buch hat, das den Alltag bewusst "entzaubert".
Soweit meine absoluten Highlights aus den entsprechenden Jahren. Wenn Sie sich für eine umfangreichere Aufstellung guter Bücher von 2020 bis heute interessieren, so empfehle ich Ihnen meine Liste der besten Bücher der letzten Jahre.
Über den Autor Marcel Behling
Seit 2009 kuratiere ich als Gründer von "Die besten aller Zeiten" (DBAZ) handverlesene Buchempfehlungen abseits von Mainstream-Bestsellern. Als passionierter Vielleser mit Fokus auf philosophische Tiefe prüfe ich jedoch nicht nur Neuerscheinungen persönlich auf ihre Substanz, sondern ordne auch zeitlose Klassiker der Weltliteratur und bedeutende Literaturthemen fachlich ein. Mein Ziel ist es, eine fundierte Orientierung in der Welt der Literatur und Philosophie zu bieten. Bei mir zählt die echte Leseerfahrung und die tiefe Auseinandersetzung v.a. mit existenzialistischen Themen.








